Hannes Disselkötter

Nachruf

Ahlen, 20. Juni 2009. Die Leichtathleten in Ahlen haben einen Freund verloren. Eine Woche vor seinem 90. Geburtstag am Samstag ist Hannes Disselkötter gestorben. Der Ahlener, Leichtathlet und Sportler mit ganzem Herzen, gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Athletik-Sport-Club (ASC) Ahlen und hat den Sport vom Sportabzeichen über die Wettkämpfe im Stadion oder auf der Straße über Jahrzehnte begleitet und geprägt. Mit Hannes Disselkötter geht einer der treuesten und zuverlässigsten Leichtathletik-Kampfrichter, die das Ahlener Stadion gesehen hat. Viele Jahrzehnte war Disselkötter immer zur Stelle, wenn Meisterschaften, Sportfeste, Sportabzeichen, Schulsport oder Länderkämpfe im Sportpark Nord stattfanden. Kompetent, regelkundig und immer mit einem kleinen Scherz auf den Lippen, so kannten ihn die Sportler wie auch die Kampfrichter-Kollegen.

Aber nicht nur die Kampfrichter-Tätigkeit auf dem Platz war das Zuhause für Hannes Disselkötter in seinem Ehrenamt. Wenn Volksläufe vorbereitet werden mussten, dann war mit der Hilfe des Ahleners ebenfalls zu rechnen, auch wenn es morgens in aller Frühe darum ging, die Anfahrtsstrecken von den Autobahnabfahrten zum Startplatz zu markieren. Verlässlichkeit war halt das Aushängegschild von Hannes Disselkötter, der selbst festlegte, wann er sein Ehrenamt abgab: es war bei einem Jedermann-Zehnkampf im Sportpark Nord, als ihm die Wettkämpfer und Kampfrichter-Kollegen einen nie zu vergessenden Abschied bereiteten. Auf einem Anhänger wurde er eine Ehrenrunde lang mit Athleten und Fahnen durchs Stadion gefahren; auf einem Fahrrard sitzend. Denn Fahrradfahren und Laufen, das waren zwei Hobbies, die bei Hannes Höchststatus hatten und denen er bis ins hohe Alter frönte. Hans Disselkötter war ein echtes Urgestein im Kampfrichterwesen der Leichtathleten.

Zum Tod von Hannes Disselkötter ein Portrait vom 7. Januar 1995

Ahlen. „Willst Du mich noch berühmter machen, als ich ohnehin schon bin?“ Im Grunde passen solche Sprüche nicht zu dem 75-Jährigen. Er ist einer derjenigen, die stets im Hintergrund dabei sind. Aber er hat recht, denn wer kennt ihn nicht im Ahlener Leichtathletikgeschehen? Getrost darf man Hannes Disselkötter zum Urgestein der Ahlener Leichtathletik zählen - auch wenn er selbst das ganz anders sieht. Grund genug jedenfalls, den passionierten Kampfrichter einmal genauer vorzustellen.

Wenn man ihn heute schon fast als Inventar des Sportpark Nord bezeichnen kann, dann rührt das bei Disselkötter von einem langen bewegten Sportlerleben her. 1937 legte er beim Arbeitsdienst zum ersten Mal die Prüfungen für das Sportabzeichen ab, nach der zweiten Prüfung im Jahr darauf folgte aber kriegsbedingt eine größere Pause. „Nach dem Krieg sind wir doch alle nur dem Dollar nachgelaufen“, erzählt der Rentner, der so gar nicht in das Bild eines Rentners passen will. „Richtig dabei bin ich doch erst seit 20 Jahren.“ Und seitdem ist das Gründungsmitglied des ASC auch aktiv. Auf mittlerweile 19 Abnahmen des goldenen Sportabzeichens kommt seine sportliche Laufbahn in diesem Bereich.

Früher, da durfte er auch noch laufen. Die Urkunden und Medaillen hängen an der Wand in seiner Gartenlaube. Wie zum Beweis - als ob er das nötig hätte - führt er mich nach draußen. Eine ganze Reihe von Ehrenzeichen verraten den Läufer. Im Jahr 1992 hat Disselkötter mit 3:31:17 Stunden sogar noch beim Hermannslauf, seinem zehnten übrigens, den dritten Platz in seiner Altersklasse gemacht, wer die mehr als 30 Kilometer lange Strecke über den Kamm des Teutoburger Waldes kennt, weiß diese Leistung einzuordnen. Heute ist Disselkötter mit dem Rad unterwegs, der Sport lässt nicht los.

Zwischen Urkunden und Sportplakaten findet sich ein anderes Ahlener Urgestein wieder. Harry Günther, mit dem Disselkötter im Oktober 1993 einen Laufpartner und Freund verloren hat, über dessen Verlust er nur schwer hinwegkam. Zahlreiche Fotos und Zeitungsausschnitte von gemeinsamen Läufen und Wettkämpfen erinnern von einem Ehrenplatz an den Sportsmann mit dem großen Herzen.

Durch seine Söhne ist Disselkötter vor mehr als zwei Jahrzehnten wieder zur Leichtathletik gekommen. Daraus habe sich alles entwickelt. „Bei den Volksläufen, da haben wir damals tagelang Startkarten geschrieben, zusammen mit Inge Rega und Anton Doodt“, beschreibt er den Arbeitsaufwand, der ganz selbstverständlich geleistet wurde. Das sei alles viel primitiver gewesen, „ohne elektrische Zeitmessung und so“. Aber an einigen Dingen hat sich nichts geändert: „Nachts um drei waren wir vor dem Wettkampf dann draußen und haben die Strecke ausgezeichnet“, weiß auch Dieter Massin, auf wen er sich verlassen kann. Heute ist der Kampfrichter Disselkötter bei Wettkämpfen nicht mehr aus dem Stadion im Ahlener Norden wegzudenken. Als kleines Glied einer langen Kette will er sich und seine Arbeit verstanden wissen. Aber auch da darf schließlich keiner fehlen. Disselkötter ist keiner, der sich in den Vordergrund drängt. Immer wieder betont er, daß die Hauptarbeit ganz andere machen. Da sind so viele gute Leute, die sich für den Sport eingesetzt haben. Mehrere Namen fallen in diesem Zusammenhang. Rega, Doodt, Bork, die Liste ist lang. Und immer wieder Massin. „Wie schon bei seinem Vater - die Leichtathletik in Ahlen fällt und steht mit Dieter Massin“, ist sich Disselkötter sicher. „Da bin ich ein Waisenknäblein gegen, der Mann kennt sich aus!“

Sein Sport - „die Leichtathletik fasziniert mich, macht mir einfach Spaß“ - ist für den ehemaligen Läufer einfach alles. Manchmal habe seine Frau ihn schon gefragt: „Schon wieder?“ wenn er Wochenende für Wochenende auf Sportfesten war. „Ach lass mich doch“, hat er gesagt - sie hat ihn verstanden. Sein ganzer Stolz ist heute seine Enkeltochter. Inga ist in der Nachbarstadt beim SCE aktiv. Als Weitspringerin hat sie sich im vergangene Jahr als Zehnte in der deutschen Bestenliste hervorragend platzieren können - eine Leichtathletikfamilie. Bis Inga in diesem Jahr achtzehn wird, muss sie noch tanzen lernen. „Spezialisier dich auf Walzer“, hat der Großvater ihr klargemacht. Doch wohl keine Frage, wer den Ehrentanz mit ihr übernimmt?

Wenn Disselkötter die Freundschaft als das höchste Gut bezeichnet, dann ist das bei ihm mehr als eine Floskel. Er lebt danach, und im Zweifelsfall weicht er einem Streit lieber aus, als sich darauf einzulassen. „Es gibt keinen Grund, der einen Streit lohnt.“

Nur mit manchen Entscheidungen in der Politik ist er nicht einverstanden. „Da werden Unsummen für sonstwas ausgegeben“, oft komme der Sport aber zu kurz. „Ich freu mich schon, wenn wir zehn Jugendliche von der Straße holen - dann ist das Geld gut investiert!“

Was denn sein schönstes Erlebnis beim Sport gewesen sei, will ich abschließend von ihm wissen. Er überlegt. „Ich habe alles genossen, es geradezu an mir vorbeirauschen lassen.“ Eine konkrete Antwort bekomme ich erst einige Tage später. „Da waren Sportfeste mit Blinden. In Kaiserau war ich zweimal als Helfer dabei, und in Ahlen war auch mal ein Behindertensportfest.“ Wenn Disselkötter dann von dem Glück erzählt, mit dem diese Athleten trotz ihrer Behinderung ihren Sport ausüben, dann spürt man förmlich, wie sich dieses Gefühl auf den 75-Jährigen übertragen hat.

Bald sind wieder die ersten Wettkämpfe bei denen er zum Einsatz kommt. Schulsportfeste in der Halle, kaum kann er es erwarten, dass es wieder soweit ist. Stefan Schwenke

Ehrenrunde im Stadion

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